"Im Verein ist Sport am schönsten." Mit diesem Slogan wirbt der Deutsche Sportbund für eine Mitarbeit im Sportverein. Aber offensichtlich sehen dies immer mehr Jugendliche und auch Erwachsene ganz anders. Ohne Verein scheint Sport für sie noch viel schöner und angenehmer zu sein.
Das Schlagwort heißt heute Fitnessstudio. Dort ist alles viel einfacher. Man bezahlt zwar ein Vielfaches vom Vereinsbeitrag, dafür kann man aber Kommen und Gehen wann man will, oder auch nicht. Natürlich im modischen Outfit. Und, was besonders wichtig zu sein scheint, man braucht dort nichts auf- oder abzubauen, bevor man seinen Sport ausüben möchte und man braucht keine Verantwortung zu übernehmen. Rücksichtnahme auf die Geräte ist auch nicht gefragt, sie gehören einem ja nicht. Kontaktpflege ist auch nicht unbedingt erwünscht, man bleibt lieber anonym.
Im Verein sieht dies ganz anders aus. Hier bezahlt man nur einen "sozialen Beitrag", sollte (muss) dafür aber auch gewisse zusätzliche Leistungen bringen. Auf- oder Abbau bei Veranstaltungen, Küchendienst, Toiletten reinigen usw. usw.
Seinen Urlaub sollte man auch noch opfern, um den Übungs-, Organisations- oder Jugendleiter machen zu können. Dafür hat man dann Anspruch auf eine kleine finanzielle Entschädigung, abgesehen vom Jugendleiter, die man natürlich großzügig dem Verein wieder spendet.
Ist man dann Übungs-, Organisations- oder Jugendleiter, dann ist es mit der Freizeit endgültig vorbei. Ein Amt als Trainer oder Vorstandsmitglied ist einem sicher, ehrenamtlich versteht sich. Und die Verantwortung, die keiner mehr übernehmen will, die hat man dann natürlich auch. Im Training darf man sich damit abmühen, die Erziehungsfehler der Eltern in ein bis zwei Stunden pro Woche zu korrigieren und erstaunlicher Weise, es funktioniert. Welcher Übungsleiter hat nicht schon von einer Mutter das Kompliment erhalten: "Wie halten Sie das nur aus mit so vielen Kindern, und wie ruhig es bei Ihnen immer ist" oder " Na jetzt kann ich ja zwei Stunden in Ruhe einkaufen gehen". Wohlgemerkt, die Kinder dieser Mutter sind auch in der Gruppe mit dabei. Wohlbehütet unter der Aufsicht von lizensierten Übungsleitern erhalten die Kinder ein fachgerechtes Training.
Im Verein hat man aber auch noch das "Vereinsleben". Das gemeinsame Grillfest, den Wandertag, die Weihnachtsfeier und die Mitgliederversammlungen mit den Ehrungen. Bronzene-, silberne-, goldene Ehrennadeln und Ehrenmitgliedschaft sind die üblichen Ehrengaben des Vereins für langjährige ehrenamtliche Tätigkeiten. Die Geehrten kommen mit Bild in die örtliche Presse damit auch Nichtmitglieder darüber informiert werden.
Beinah hätten wir es noch vergessen, die Kinder machen ja gerne Sport im Verein jedoch nur bis zum 14. Lebensjahr. 75 % macht dieser Anteil an der Gesamtmitgliederzahl in Sportvereinen aus. Sobald sie jedoch mit in die Verantwortung, sprich Mitarbeit mit einbezogen werden, wird der Sport uninteressant.
Leistungssport kann man natürlich auch noch im Verein betreiben. Aber wer ist heute noch bereit auf so viele schöne Dinge zu verzichten, nur um vielleicht einmal bei der Spitze mitkämpfen zu können. Meistens stehen doch nur die ehrgeizigen Eltern hinter ihren Sprösslingen um mit ihnen das zu erreichen, was sie selbst nie geschafft haben.
Als Mitglied im Fitnessstudio haben sie kein "Fitnessstudioleben" und geehrt werden sie auch nicht und in die Zeitung kommen Sie schon gar nicht. Laut "Stiftung Warentest" ist die Betreuung in vielen Studios mangelhaft, gesundheitliche Schäden sind vorprogrammiert. Nur viel Geld werden Sie dort los.
Die Eltern sind daher gefordert den Kindern zu vermitteln, dass ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft das solidarische Handeln ihrer Mitglieder ist. Rücksichtnahme, Fairness und die Übernahme von Verantwortung für sich und andere, das sind die Voraussetzung für eine funktionierende Gemeinschaft. Es ist die Aufgabe der Eltern, dies ihren Kindern zu vermitteln. Egoismus ist nicht gefragt.
Und da sind doch tatsächlich die Freizeitforscher der Meinung, dass die Leute keinen Bock mehr auf Vereine haben.
Es gibt zwei Lügen, die wirkliche Lüge und Statistiken.
Rainer Rittmann